Iran vor den Veränderungen von 1979
Im Jahr 1925 kam die Pahlavi-Dynastie im Iran an die Macht. In den folgenden Jahrzehnten erlebte das Land große Veränderungen.
Straßen, Eisenbahnlinien, Schulen, Universitäten und andere wichtige Einrichtungen wurden ausgebaut. Bildung wurde für größere Teile der Bevölkerung zugänglich, Wirtschaft und Industrie entwickelten sich weiter und Iran gewann zunehmend an Bedeutung im Nahen Osten.
Frauen erhielten das Wahlrecht und bekamen mehr Möglichkeiten, Schulen und Universitäten zu besuchen und am Berufsleben teilzunehmen. Das Land entwickelte sich mit hoher Geschwindigkeit weiter, und für viele Menschen erschien die Zukunft zunehmend hoffnungsvoll.
Die Ereignisse des Jahres 1979 veränderten diesen Weg grundlegend.
Das neue Herrschaftssystem verband Staat und Religion eng miteinander. Die Kleidung von Frauen wurde staatlich geregelt, persönliche Freiheiten wurden eingeschränkt und zahlreiche Menschen und politische Gruppen gerieten unter starken Druck.
In den folgenden Jahrzehnten verließen Millionen Iraner ihre Heimat. Viele gingen nicht freiwillig, sondern weil sie Freiheit, Sicherheit und eine bessere Zukunft suchten.
Trotz allem verloren viele von ihnen ihre Verbindung zu Iran nie.
Ein Volk, das nicht verstummt ist
In den vergangenen Jahrzehnten haben Iraner immer wieder gezeigt, dass sie Veränderungen wollen.
Von den Studentenprotesten 1999 über die Grüne Bewegung 2009 bis zu den landesweiten Protesten der Jahre 2017 und 2019 sowie der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ im Jahr 2022 zeigte sich immer wieder der Wunsch nach Freiheit und nach eigener Mitbestimmung über die Zukunft des Landes.
Jede dieser Bewegungen hatte ihre eigenen Hintergründe und Forderungen. Gemeinsam zeigen sie jedoch, dass ein großer Teil der iranischen Bevölkerung nicht länger akzeptieren will, dass eine religiös geprägte Staatsführung über das persönliche Leben und die Zukunft der Menschen bestimmt.
Viele Iraner haben für diesen Wunsch einen hohen Preis bezahlt. Gefängnis, Unterdrückung, erzwungene Auswanderung und der Verlust von Menschenleben gehören zu dieser schmerzhaften Geschichte.
Dennoch ist der Wunsch nach Freiheit geblieben.
Die iranische Bevölkerung ist nicht mit der Staatsführung gleichzusetzen
Ein wichtiger Punkt wird außerhalb Irans oft übersehen: Die iranische Bevölkerung und die heutige Staatsführung sind nicht dasselbe.
Das Handeln der Herrschenden darf nicht pauschal auf alle Iraner übertragen werden.
Die Menschen im Iran haben unterschiedliche Ansichten, Überzeugungen und Lebensweisen. Millionen Iraner im Land und im Ausland wünschen sich friedliche Beziehungen zur Welt, persönliche Freiheit, wirtschaftliche Entwicklung und eine bessere Zukunft für ihre Kinder.
In den vergangenen Jahrzehnten haben Iraner immer wieder gezeigt, dass sie die staatlich geförderte Feindseligkeit gegenüber anderen Ländern nicht zwangsläufig teilen.
Wer Iran verstehen möchte, sollte deshalb nicht nur auf seine Herrscher schauen, sondern vor allem auf seine Menschen.
Die Rolle von Reza Pahlavi in der heutigen Bewegung
In den vergangenen Jahren ist der Name Reza Pahlavi bei iranischen Kundgebungen und Protesten immer häufiger zu hören gewesen.
Seine Bedeutung beruht nicht allein darauf, dass er der Sohn des letzten Schahs von Iran, Mohammad Reza Pahlavi, ist. Für einen Teil der iranischen Bevölkerung ist sein Name zu einem Symbol für die Bündelung jener Kräfte geworden, die einen Übergang vom heutigen politischen System anstreben.
Nach Jahrzehnten politischer Zersplitterung haben sich zahlreiche Iraner im In- und Ausland um seine Person versammelt.
Bei großen Demonstrationen in verschiedenen Städten der Welt waren häufig die historische Löwe-und-Sonne-Flagge sowie Bilder von Reza Pahlavi zu sehen. Das zeigt, dass der Name Pahlavi für viele Menschen nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit ihren Vorstellungen von der Zukunft verbunden ist.
Entscheidend bleibt jedoch das Recht der iranischen Bevölkerung, selbst zu wählen.
Die zukünftige Staatsform Irans sollte nicht im Voraus von einer einzelnen Person oder Gruppe festgelegt werden. Nach einem politischen Übergang sollten die Menschen frei darüber entscheiden können, welche Staatsform sie wünschen – eine konstitutionelle Monarchie, eine Republik oder ein anderes demokratisches System.
Die Entscheidung muss bei den Menschen liegen.
Grundlagen eines freien Iran
Ein freier Iran könnte auf einigen klaren Grundsätzen beruhen:
der territorialen Einheit des Landes, der Trennung von Religion und Staat, der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, dem Schutz persönlicher Freiheiten und dem Recht der Bevölkerung, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden.
Keine religiöse, ethnische, sprachliche oder politische Gruppe sollte über anderen stehen.
Iran ist die Heimat aller Iraner.
Jeder Mensch sollte seine Meinung frei äußern, seine Kleidung selbst bestimmen, seinen Glauben frei wählen oder auch ohne Religion leben können. Jeder sollte lernen, arbeiten, schaffen und an der Zukunft des Landes mitwirken dürfen.
Wie könnte ein freier Iran aussehen?
Iran verfügt über enorme Möglichkeiten.
Das Land hat eine gut ausgebildete Bevölkerung, große natürliche Ressourcen, ein bedeutendes kulturelles Erbe und Millionen erfolgreicher Iraner in aller Welt.
In einem stabilen und verantwortlichen politischen System könnten diese Stärken für den Wiederaufbau des Landes genutzt werden.
Iranische Universitäten könnten wieder zu bedeutenden Zentren für Bildung und Forschung werden. Unternehmer könnten ohne unnötige Einschränkungen arbeiten. Künstler könnten ohne Zensur schaffen. Frauen könnten selbst über ihre Kleidung und ihr Leben bestimmen.
Iraner, die seit vielen Jahren außerhalb ihrer Heimat leben, könnten zurückkehren und ihr Wissen sowie ihre Erfahrungen beim Aufbau des Landes einsetzen.
Auch der Handel mit anderen Ländern könnte wieder wachsen. Irans geografische Lage, seine Rohstoffe, sein großer Binnenmarkt und seine Bevölkerung könnten das Land erneut zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Zentrum der Region machen.
Iran und die Welt
Veränderungen im Iran würden nicht nur das Leben der Iraner betreffen.
Ein friedlicher und stabiler Iran könnte zur Beruhigung des gesamten Nahen Ostens beitragen.
Statt große Teile der staatlichen Mittel für Konflikte und bewaffnete Gruppen außerhalb des Landes auszugeben, könnten diese Mittel für Bildung, Gesundheit, Wasser, Infrastruktur, Wissenschaft und die wirtschaftliche Entwicklung der eigenen Bevölkerung eingesetzt werden.
Auch die Nachbarländer könnten stärker auf Zusammenarbeit und Handel setzen, statt dauerhaft mit neuen Konflikten rechnen zu müssen.
Für Europa könnte ein freier Iran ebenfalls zu einem wichtigen Partner in den Bereichen Handel, Energie, Wissenschaft und Bildung werden.
Iran und Israel
Die Verbindung zwischen Iranern und Juden ist wesentlich älter als die heutigen politischen Konflikte.
Vor mehr als 2.500 Jahren ermöglichte Kyros der Große jüdischen Vertriebenen die Rückkehr aus Babylon in ihre Heimat.
Auch vor 1979 bestanden zwischen Iran und Israel wichtige Beziehungen.
In einem freien Iran wäre eine Zukunft denkbar, in der Iraner und Israelis wieder frei in die jeweiligen Länder reisen können, Universitäten zusammenarbeiten, Wissenschaftler gemeinsam forschen und Menschen beider Länder nicht mehr über Krieg und Vernichtung sprechen müssen, sondern über Zusammenarbeit und gegenseitigen Austausch.
Eine solche Zukunft ist nicht unvorstellbar.
Der Wiederaufbau wird nicht einfach sein
Das Ende eines politischen Systems löst nicht automatisch alle Probleme eines Landes.
Jahrzehnte der Unterdrückung, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Auswanderung, beschädigte staatliche Strukturen und gesellschaftliches Misstrauen lassen sich nicht innerhalb weniger Tage beseitigen.
Der Wiederaufbau Irans wird Zeit brauchen.
Staatliche Einrichtungen müssen neu aufgebaut und gestärkt werden. Vertrauen innerhalb der Gesellschaft muss wachsen. Menschen mit unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen müssen lernen, einander zu akzeptieren und gemeinsam an der Zukunft des Landes zu arbeiten.
Dieser Weg wird nicht einfach sein.
Aber er ist möglich.
Iran muss nicht völlig neu erfunden werden. Das Land muss vor allem die Möglichkeit erhalten, seine vorhandenen Kräfte wieder frei zu entfalten.
Die Zukunft Irans
Stellen wir uns ein Kind vor, das im Iran der Zukunft aufwächst.
Ein Kind, das keine Angst wegen seiner Kleidung, seiner Überzeugung, seiner Worte oder seiner Gedanken haben muss.
Ein Kind, das Wissenschaftler, Arzt, Lehrer, Künstler, Unternehmer oder etwas ganz anderes werden kann, ohne für seine Zukunft die eigene Heimat verlassen zu müssen.
Millionen Kinder könnten in einem Iran aufwachsen, in dem ihre Zukunft nicht von den Forderungen der Machthaber bestimmt wird, sondern von ihren eigenen Fähigkeiten, ihren Entscheidungen und ihrer Arbeit.
Das ist ein Iran, dessen Aufbau sich lohnt.
Ein freier, wohlhabender, toleranter und friedlicher Iran – ein Land, das stolz auf seine jahrtausendealte Geschichte ist und zugleich nach vorne blickt.
Das Licht Irans ist in all diesen Jahren nicht erloschen.
Die Menschen haben es am Leben gehalten.
Die Hoffnung vieler Iraner ist, dass dieses Licht eines Tages wieder das ganze Land erhellen kann.